Was bedeutet Bio für mich wirklich?

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Biozitronen aus Chile im Kunststoffnetz, konventionelle Zitronen einzeln aus Spanien lose. „Bio-Gurken“ klein in einer Plastikschale mit Deckel, die konventionellen Gurken lose daneben.

Der Kauf von Bioprodukten ist als bewusster Käufer nicht in jedem Geschäft immer ein leichtes Unterfangen. Oft gibt es Zwickmühlen, wenn man zudem lange Transportwege, Verpackung und Pestizide gleichzeitig vermeiden will.

Im Zuge dessen kam bei mir die Grundsatzfrage auf: Was ist Bio überhaupt? Entsprechen diese Zitronen, zu viert im Plastiknetz aus Chile oder das Müsli mit Beerenpulver und Schokocrisps aus extrudiertem Reis überhaupt noch dem ursprünglichen Gedanken von Bio?

Die Menge verkaufter Produkte „aus kontrolliert biologischem Anbau“ ist in den letzten Jahren rapide gestiegen. Besonders Österreich ist ein Bio-Vorreiter: 22% der landwirtschaftlichen Fläche werden für Bioprodukte verwendet [1]. Das Wachstum an Biobetrieben schreitet auch in Deutschland voran [2]. 2016 wandelten durchschnittlich 5 Bauern täglich ihren Betrieb von konventionell zu bio um.

Die Zahlen klingen euphorisch, auch die Supermärkte spielen fleißig mit und überbieten sich in der Kreation von immer mehr Bio-Produkten. Viele springen auf den Trend auf, ohne sich wirklich bewusst zu sein, was Bio ist.

Definition Bio

Bio=Pestizidfreiheit

Das ist bei weitem nicht das komplette Spektrum von Bio. Die EU-Öko-Basisverordnung definiert die Ziele der Landwirtschaft in folgendem Dokument.

Bio soll demnach für eine nachhaltige Landwirtschaft stehen, qualitativ hochwertige Erzeugnisse produzieren und eine „reiche Vielfalt an Lebensmitteln“ herstellen, die Mensch, Natur und Umwelt nicht schaden [3].

Das ist zuerst als positive Veränderung in der Landwirtschaft zu werten. Aber: Kritiker behaupten, Bio sei nur ein Marketinggag und Geldmacherei. Gehen also alle Biokäufer dem Bioschmäh auf den Leim?

Meine Meinung

Den Gedanken von Bio, Pestizidfreiheit, Gentechnikfreiheit und artgerechte Haltung sicherzustellen, finde ich gut. Es ist ein wichtiger Schritt hin zu gesünderen Produkten für Mensch und Natur. Jedoch vergisst Bio in der Realität einige darüberhinausgehende Aspekte. Daher ist ein Biolabel beim Einkauf bei weitem nicht das Einzige, worauf ich achte.

Für mich ist es wichtig, dass Bio über die Siegelkriterien hinaus gelebt wird und über ein aufgedrucktes Siegel, einen höheren Preis und Petizidverzicht hinausgeht. Ich möchte biologische Produkte von Bauern und Manufakturen kaufen, die Bio leben und es nicht aus puren Geldgründen tun. Wenn man Bio mit Herz macht, hat es wirklich Mehrwert für Mensch und Welt.

In den folgenden Absätzen möchte ich nun erläutern, was für mich zu einer weiter gedachten Definition von „Bio als rundem, auf allen Ebenen nachhaltigem Konzept“ – im folgenden „echtes Bio“ genannt – dazugehört:

  1. Regionalität

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Der Honig ist zwar Bio, aber muss er aus China kommen?

Biokakaopulver und Kokosnüsse kommen von weit her. Dennoch macht es für mich Sinn, diese leckeren Produkte sehr selten und bewusst zu konsumieren. Kakao wächst in Europa ja leider nicht auf den Bäumen. Bananen überraschenderweise schon (die sind auch die einzigen, die ich gelegentlich kaufe).

Doch Bio-Zitronen aus Chile nach Österreich zu importieren, wo doch Zitrusfrüchte im gesamten Mittelmeerraum in Fülle wachsen, verfehlt den Zweck von Bio ganz gehörig. Die Zitronen legen unzählige Transportkilometer zurück, was mehr Abgase produziert. Dasselbe Beispiel gilt für den Honig oben auf dem Foto.

Echtes Bio legt für mich immer die kürzestmöglichen Transportwege zurück.

Doch nicht jedes Lebensmittel hat immer Saison. So werde ich im April noch keine Biotomaten aus Österreich erhalten, womit wir schon beim zweiten Punkt sind.

2. Saisonalität

 

Die verschiedenen Saisonen in mitteleuropäischen Gefilden wirkten sich früher viel stärker auf das Nahrungsangebot aus wie heute. Die Supermärkte bieten fast immer dasselbe an.

Aber ob Bio oder nicht, außerhalb der Sommermonate schmecken Tomaten meistens wie rot gefärbtes Wasser in runden Formen. Es gibt zwar Monate, in denen das wirklich heimische Obst- und Gemüseangebot bescheiden erscheint. Dann gehe ich auf den Wochenmarkt, um dort Gemüse zu kaufen, dass jetzt in meiner Gegend Saison hat und geschmacksvoll ist.

Echtes Bio geht mit der jeweiligen Jahreszeit! Es gibt hierzulande nicht das ganze Jahr frischen Spargel, und das ist auch gut so. Umso mehr freue ich mich jeden Frühlingsbeginn auf die leckeren Stangen. Die Tiefkühltruhe hilft dabei, Zeiten mit geringem Obst- und Gemüseangebot zu überbrücken.

3. Die Vorteile von Mischkultur und handwerklichem Savoir-faire

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Der eigene Obst und Gemüseanbau hat mich vieles gelehrt: Wenn eine Pflanze mal nicht wächst, dann hilft es meist nicht, teuren Dünger und Pestizide draufzuschütten. Vielleicht sind die Bedingungen (Boden, Luft, Feuchtigkeit, Temperatur,etc.) ungeeignet für den Anbau dieser Pflanze. Dann wähle ich entweder eine andere, samenfeste Sorte oder gleich eine andere Pflanzenart. Beispielsweise machte ich die Erfahrung, dass Karotten in den meisten meiner Gartenböden nicht gut wachsen, weil die Erde sehr schwer und lehmig ist. Dafür klappt es mit den Kartoffeln und auch Stangenbohnen sind ertragreich.

Nicht nur fürs Auge ist ein lebendiger Anbau in Mischkultur förderlich. Das Konzept der Permakultur sorgt für mehr Ernährungssicherheit, weil überall etwas angebaut werden kann. Weinreben an der Hauswand, Stangenbohnen am Treppengeländer und Kräuter auf der Terasse sorgen für dekorative, clevere und gesunde Versorgung mit Nahrungsmittel.

Echtes Bio nutzt die Vorteile verschiedenster Standorte und vermeidet riesige Monokulturen. Die Diversität der Pflanzen wird vielseitig eingesetzt. Auf samenfeste Sorten, die sich immer wieder vermehren und eine hohe Sortenvielfalt, die lebendig gepflegt wird, legt wahres Bio für mich Wert.

4. Verpackungsfreiheit

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So viel Verpackung und Arbeit für die paar Bio-Gurken? Das geht einfacher!

Die Unterschiede zwischen konventionell und biologisch angebautem Gemüse sind verrückt (siehe Eingangsbeispiel): Während die konventionell angebauten Orangen (Herkunft: Spanien, Schale mit Imazalil[1] konserviert – nicht essbar) einzeln in der Auslage liegen, finden sich die Bio-Orangen in Viererpackungen in roten Kunststoffnetzen. Noch krasser verhält es sich mit „Bio“ Fenchel, Tomaten und Avocados. Sie liegen auf einer farbig bedruckten Pappschachtel, rundherum in Plastik eingeschweißt. Das ist kein rundum gelebtes Bio!

Bio sollte nachhaltig sein und die natürlichen Ressourcen schonen. Für mich liegt der Verzicht auf unnötige Verpackungsmaterialien daher nahe. Genau hier ist der Knackpunkt bei vielen Biolebensmitteln, die im Supermarkt oder auch in Bioläden angeboten werden für mich. Wozu sollte ich Produkte in Verpackungsmaterial einpacken, welches deren Qualität möglicherweise mindert? Verpackung erzeugt Emissionen, benötigt Ressourcen und wird nur für kurze Zeit verwendet. Am nachhaltigsten ist folglich das Produkt, welches ohne Verpackung auskommt.

Echtes Bio reduziert Verpackung, wo es nur geht. Vor allem bei Obst und Gemüse gibt es für mich keine Ausrede, Produkte zu verpacken oder Pickerl draufzukleben. Auch bei anderen Produkten sollte immer ein Weg um Wegwerfverpackungen herum gedacht werden. Wie das geht, sehen wir in Unverpackt-Läden und auf dem Wochenmarkt.

5. Fair gehandelt

Dieser Absatz hier bezieht sich ganz besonders auf Entwicklungsländer.

Kontrolliert biologisch hergestellte Lebensmittel sollten auch den Menschen, die sie produzieren und konsumieren, Mehrwert bringen. Ich denke, Bio und Fair Trade gehen Hand in Hand und verstehe nicht, wieso Produkte aus fernen Ländern oft bio, aber nicht Fair Trade sind und umgekehrt.

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oben: Hier sind Bio und Fairtradesiegel kombiniert, was ich bei fremdländischen Produkten sehr wichtig finde. Positiv auch die klare Herkunftsangabe dieses Kokosöls.

Ein Bauer, der biologisch anbaut, muss meines Erachtens für seine Arbeit auch existenzsichernd entlohnt werden. Und soziale Nachhaltigkeit geht nicht ohne Verzicht auf gesundheitsgefährdende Substanzen wie Pestizide.

Echtes Bio fördert die Menschen: Dazu gehören u.a. Bildung für Kinder und Jugendliche, Aufstiegsmöglichkeiten für alle, grundlegende Arbeitsrechte und Altersvorsorge sowie ein Lohn, der ausreicht, um davon menschenwürdig zu leben.

6. Faire Preise

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Biolebensmittel kosten oft mehr. Die Erzeuger möchten, egal ob Bio oder konventionell, auch etwas an ihrer Ware verdienen und am Ende des Tages finde ich es wichtig, dass jeder einen Lohn erhält, von dem er gut leben kann (siehe Punkt 5). Es kann auch nicht befriedigend sein, sich zu einem guten Teil über Subventionen zu finanzieren [4] oder gar, wie Bauern in Entwicklungsländern, harte Arbeit zu leisten und dennoch unter dem Existenzminimum zu leben.

Dazu gehört auch unsere Bereitschaft als Konsumenen, die Menschen, die unsere Produkte biologisch anbauen, fair zu bezahlen und ihre Produkte wertzuschätzen. Meiner Erfahrung nach hilft es, selber Obst, Gemüse oder Kräuter anzubauen, um einen kleinen Einblick zu erhalten, was Landwirte Tag für Tag leisten.

Echtes Bio ist nicht „billig“, aber bezahlbar. Es ist unsere Entscheidung, wofür wir unser Geld ausgeben. Der Fairness wegen sollte man auch auf teurere, wirklich vertrauenswürdige (siehe Punkt 8) Bioprodukte nicht verzichten: Du erhältst ja einen Gegenwert für dein Geld!

7. Unverarbeitetheit

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Die Etiketten verschiedener Bio-Gemüsebrühen

Du bekommst heute alles möglich in Bioqualität: Suppenpulver, Dosengerichte und To-Go Essen samt Kunststoffbesteck. Diese Lebensmittel verbrauchten bis zu ihrer Herstellung viel Energie und Ressourcen auch für die Verpackung (siehe Punkt 4). Der Sinn von Bio ist, die Umwelt und die natürlichen Ressourcen zu schonen. Viele Biohersteller folgen mit hochverarbeiteten Produkten eben der Nachfrage. Hier müssen wir uns wieder an die eigene Nase fassen – und die Suppe einfach selber machen, anstatt das Pulver zu kaufen. Diesen Punkt sicherzustellen, geht nur, wenn auch du und ich uns ändern.

Immerhin sind hochverarbeitete Produkte leicht zu erkennen, auch an der Verpackung. Am unverarbeitetsten sind die unverpacktesten Produkte.

Echtes Bio setzt für mich auf Unverarbeitetheit. Produkte werden so schonend wie möglich konserviert und auf eine nachhaltige Art verpackt (z.B. im Pfandglas) – oder gleich lose angeboten.

8. Transparenz

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Für mich eines der transparentesten Lebensmittel, die ich kenne: Äpfel aus dem eigenen Garten, pestizidfrei, unverarbeitet und lecker!

Durch die Globalisierung ist Transparenz auch bei Bio noch viel wichtiger geworden. Zur Transparenz sollen einerseits die Siegel beitragen. Doch wer kennt sich im Siegelwald noch aus? (Inhalte folgen).

Ich habe allerdings noch viel mehr Transparenzbedürfnisse und frage: Wo kommt jeder Stoff aus der Zutatatenliste her? Welchen Transportweg legt das Produkt zurück? Und stimmen die Versprechungen auf der Verpackung?

Früher habe ich z.B. sehr gerne wilden Räucherlachs (bio) gegessen. Er kam in einer läppisch winzigen Menge (90 g Packung) in Pappe und Vakuumverpackung innen daher. Auf der Verpackung steht: Gefangen vor Schottland, verpackt in Frankreich. Bei Kleidung und Produkten mit mehr Zutaten stehen die Fertigungsstufen meist gar nicht drauf!

Hier braucht es m.E. viel stärkere gesetzliche Kennzeichnungsrichtlinien und viel mehr aussagekräftige Infopflichten für den Produzenten. Jeder sollte Zugang zu einer Art gesetzlich definiertem Produktdatenblatt im Internet haben.

Du kannst für dich selber mehr Transparenz schaffen, indem du regional und bio kaufst, die Bauernhöfe bzw. Manufakturen besichtigst und mit den Menschen sprichst, die dein Essen anbauen bzw. weiterverarbeiten.

Echtes Bio ist für mich ehrlich, aufrichtig und informiert seine Kunden verlässlich und transparent.

Fazit

Das sind für mich die 8 wichtigsten Punkte, die wirklich gutes Bio erfüllen sollte.

Wirklich gute Produkte und Lebensmittel aus überzeugt biologischer Erzeugung sind nicht leicht zu finden.

Das hier ist keine Einkaufsliste, nach der du jedes Mal strikt vorgehen musst.

Ich habe hier einfach versucht, eine erweiterte Konzeption von Bio aufzustellen, die für mich stimmig ist. Für mich ist ein Produkt, dass all diese Punkte abdecken kann, nahe dran an einer Idealform von Bio. Es setzt viel voraus, damit ein Produkt für mich „Echtes Bio“ sein kann. Aber es gibt diese Produkte, und ich werde nicht müde, noch mehr davon zu suchen!

Am besten kannst du dir solche Produkte mit Kauf direkt beim Erzeuger, auf dem Wochenmarkt und aus dem eigenen Garten beschaffen.

 

P.S. Es lohnt sich meines Erachtens auch beim Kauf im Bioladen/Supermarkt, genauer auf das Biolabel zu schauen und es zu hinterfragen. Aber das ist wieder eine neue Geschichte (Inhalte folgen).

[1] https://www.bmlfuw.gv.at/land/bio-lw/zahlen-fakten/Bio_Produktion.html

[2] http://bio-markt.info/kurzmeldungen/bio-waechst-2016-in-allen-bereichen.html

[3]EG-Öko-Basisverordnung (2007). http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Landwirtschaft/OekologischerLandbau/834_2007_EG_Oeko-Basis-VO.pdf?__blob=publicationFile

[4] http://www.bauerwilli.com/subventionen-abschaffen/

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