Wähle täglich! – Teil II

„Jeder Kassabon ist ein Stimmzettel. Jedes verdammte Mal. Alles Liebe, dein Kapitalismus.“

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Dieses Zitat ist der ideale Einstieg zu Teil II des Artikels zum Thema Wahl. Wie in Teil I bereits besprochen wurde, hast du in deinem Leben richtig viele Möglichkeiten, zu wählen! Auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit.

Vor der sogenannten „ökonomischen Wahl“ stehen du und ich jeden Tag. Immer dann, wenn  wir für Geld ein Produkt oder eine Dienstleistung erwirben, entscheiden wir uns aufs neue für Produkt/Dienstleistung A oder B, für billig oder teuer, für Österreich oder Frankreich,…

Was können wir bewegen, wenn wir diese Wahl nicht nur nach unseren Bedürfnissen, sondern auch nach nachhaltigen Gesichtspunkten ausrichten?

Inhaltsverzeichnis:

1. Was bringen nachhaltige Konsumentscheidungen?

2. Wie entscheiden wir?

a) Entscheidungstypen

b) Kriterien für (nicht)nachhaltige Konsumentscheidungen

3. Wie treffe ich einfach und effektiv nachhaltige Konsumentscheidungen?

a) Was ist mir wichtig?

b) Wo finde ich, was mir wichtig ist?

c) Wie schaffe ich Routinen?

d) Kaufe weniger!

Zusammenfassung

1.Was bringen nachhaltige Konsumentscheidungen?

„Ich kann doch nichts bewegen, wenn es 8 Mrd. Menschen auf der Welt gibt, die nichts tun!“ „Es ist sowieso egal, wo ich einkaufe, es kommt im Endeffekt eh auf dasselbe hinaus.“ „ Ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein“… Sicher hast du auch schon solche Aussagen gehört. Ist da etwas dran?

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Nun, die Zahlen beweisen erst einmal das Gegenteil: Jeder einzelne Mensch produziert Abfall, CO2 und Abwasser. Bei einem Bewohner von Deutschland sind dies durchschnittlich 453 kg Müll[1], 9,1 TonnenCO2[2]  und 44 895l Wasser pro Jahr[3]. Diese Fakten sind für andere Industrieländer ganz ähnlich. So hat jeder von uns einen großen Einfluss, in seinem eigenen Leben viele Emissionen, Müll und Abwasser zu vermeiden.

Eine Schwierigkeit allerdings, die ich oft empfinde, sind die unterschiedlichen Verständnisse von nachhaltigem Konsum. Das fällt mir besonders auf, wenn ich mit Menschen über alternative Energien diskutiere. Da gibt es auch ökologisch orientierte Leute, die sind der Meinung, wir brauchen Atomkraft, um den Klimawandel aufzuhalten; andere sagen, Windräder verschandeln die Landschaft. Aber wenn wir gemeinsam auf ein Ziel, den Erhalt unserer Lebensgrundlagen auf diesem Planeten haben, ist es sehr wichtig, dass wir bzgl. einiger Werte gemeinsame Anschauungen haben.

Einige Konsenspunkte gibt es schon: Beispielsweise sind sich so gut wie alle nachhaltig orientierten Menschen einig, dass wir Lebensmittelverschwendung verhindern sollten. Und ich bin zuversichtlich, dass wir wichtige weitere gemeinsame Schlüsselwerte trotz der verschiedenen Anschauungen finden und diese Werte im Alltag umsetzen können.

Denn wenn mehr Menschen beginnen, bewusst im Hinblick auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu konsumieren, merken das auch ihre Mitmenschen. Genau so setzt ein Umdenken ein: Neue Ideen, Konzepte und Unternehmen entstehen. Wie z.B. die Ässbar, ein Unternehmen, welches Backwaren, die Bäckereien am Vortag nicht verkaufen konnten, nochmals anbietet und so allein 2016 250 Tonnen „Food Waste“ verhindern konnte[4]. Eine Vielfalt an neuen Ideen kann uns helfen, Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln anzugehen und damit unterschiedliche Nachhaltigkeitsgesichtspunkte zu adressieren.

=> So wird aus dem Tropfen auf den heißen Stein ein Wasserfall!

Die bewusste Entscheidung, was du privat konsumieren möchtest, wird sogar durch das gängige Wirtschaftsmodell in Industrieländern, die Marktwirtschaft erst ermöglicht. Die Unternehmen verkaufen das, was die Nachfrager kaufen[5]. Du kannst selber entscheiden, was du kaufen willst und was nicht. In Planwirtschaft hättest du die Entscheidungen des Staates als gegeben hinnehmen müssen. Aber hier ist hast du selber die Verantwortung. Somit ist deine ökonomische Wahl das Gegenstück zur im letzten Kapitel erwähnten politischen Wahl! Ich nenne das System ökonomischer Wahlmöglichkeit daher auch Konsumdemokratie.

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2. Wie entscheiden wir?

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Niemand tätigt all seine Kaufentscheidungen bewusst.

1. Es kommt es auf die Einstellungen und Werte des Menschen an, der die Kaufentscheidungen tätigt.

2. Kaufentscheidungen werden unterschiedlich getätigt, je nachdem welchen Bereich sie betreffen.

So kann es zum Beispiel sein, dass jemand sein Essen sehr sorgfältig im Hinblick auf biologische Erzeugung auswählt, bei seiner Geldanlage jedoch absolut nicht auf ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltige Investitionen achtet. Oder jemand achtet überhaupt nicht auf Nachhaltigkeit bei seinen Konsumentscheidungen.

Und nicht immer entscheiden wir überhaupt:

a) Die verschiedenen Arten von Kaufentscheidungen

Aus der BWL-Perspektive lässt sich unser Konsumverhalten ganz unterschiedlich kategorisieren. Ich habe hier nur eine Auswahl getroffen, um unser Verhalten besser zu erklären. Es gibt impulsive, habituelle, limitierte und extensive Kaufentscheidungen[6].Grob lassen sich Kaufentscheidungen außerdem nach dem Grad des Involvement unterteilen: Low-Involvement und High-Involvement[7].

Bei High-Involvement liegt dir das Produkt bzw. die Dienstleistung am Herzen, du informierst dich vor dem Kauf und wägst deine Entscheidung sorgfältig ab. Low-Involvement ist das Gegenteil: Hier handelt es sich auf ein Produkt bzw. eine Dienstleistung, die für den Konsumenten nicht wichtig ist. Daher wird er die Entscheidung wesentlich schneller und unreflektierter treffen.

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Hunger? Pizza! Ein Beispiel für eine impulsie Kaufentscheidung

Die impulsive Kaufentscheidung wird nahezu ohne gedankliche Steuerung getroffen. Bei dieser Art des Kaufs folgt auf einen Reiz (z.B. rotes Preisschild oder duftende Pizza) eine Reaktion: Kauf. Jeder trifft dann und wann impulsive Kaufentscheidungen. Der Nachteil daran ist, dass du damit nachhaltige Wahlmöglichkeiten verschenkst und dass diese Kaufentscheidungen ins Geld gehen können.

Die habituelle Kaufentscheidung läuft nahezu automatisiert auf der Basis früherer Erfahrungen ab. Wenn du beispielsweise jeden Samstag eine Flasche Bier kaufst, wirst du am nächsten Samstag vermutlich wieder auf dasselbe Bier zurückgreifen. Auch Markentreue oder die Treue, die man zu einem gewissen Geschäft bzw. einer Supermarktkette hält, lassen sich als habituelle Entscheidung identifizieren.

Das Konzept, habituell zu entscheiden, kann dir dabei helfen, bei einem gewissen Produkt zu bleiben. Wenn du beispielsweise eine Bio-Bäckerei in deiner Nähe gefunden hast und dein Brot ab jetzt immer dort kaufst, triffst du damit ab einem gewissen Zeitpunkt auch eine habituelle Kaufentscheidung. Der Einkauf wird zur Gewohnheit und das vereinfacht deine zukünftigen Einkäufe!

Limitierte Kaufentscheidungen werden auf Basis sehr weniger Entscheidungskriterien getroffen. Du kannst dich auch rein aufgrund von Nachhaltigkeit bzw. biologischem Anbau für ein gewisses Produkt entscheiden und das wäre auch eine limitierte Kaufentscheidung. Zumindest im europäischen und nordamerikanischen Raum ist jedoch der Preis ein besonders wichtiges Kriterium[8]. Sprich, viele Menschen entscheiden beim Kauf von Nahrungsmitteln rein aufgrund des Preises für ein ebstimmtes Produkt. Er kann somit treibende Kraft hinter einer limitierten Kaufentscheidung sein.

Extensive Kaufentscheidungen werden informiert getroffen. Oft holt der Käufer Monate vorher Information ein, konsultiert das Internet und fragt Freunde um Rat. Solche Kaufentscheidungen treffen du und ich besonders für große Ausgaben, z.B. eine neue Kamera. Leider tätigen die wenigsten Menschen solche Konsumentscheidungen in Bezug auf Nachhaltigkeit.

Im Großen und Ganzen ist es von Konsument zu Konsument verschieden, welche Kaufentscheidungen wie getroffen werden. Otto-Normalverbraucher wird jedoch dazu tendieren, besonders teure Dinge als intensive Kaufentscheidungen zu betrachten (bzw. high involvement) und alltägliche Produkte impulsiv, habituell oder limitiert zu kaufen (bzw. low-involvement). Zudem wird er besonders auf seinen eigenen Nutzen achten bzw. darauf, wie ihm das Produkt gefällt. Damit geht leider viel Potential für nachhaltige Konsumentscheidungen verloren.

b) Kriterien für nachhaltige Konsumentscheidungen

Nun möchte ich über einige wichtige Gründe für (nicht)nachhaltige Konsumentscheidungen sprechen:

Unwissenheit

Manche Themen haben wir einfach „nicht auf dem Schirm“. So wurden z.B. nachhaltige Finanzprodukte für private Anleger oder ökologisch hergestellte Smartphones bislang kaum thematisiert oder beworben. Somit ist es schwer, etwas darüber herauszufinden und die Alternativen sind nur schwer erhältlich.

Zudem fühlen sich viele Menschen von den zahlreichen Biosiegeln überfordert. Gerade was Nahrungsmittel angeht, gibt es eine Flut von verschiedensten Siegeln, die mit Bio, fairem Handel und Nachhaltigkeit werben. Immerhin gibt es in diesem Bereich seit 2010 die Verpflichtung, das EU-Bio-Siegel aufzudrucken, für alle Bio-Produkte in der EU[9]. Die Standardisierung von Siegeln und das genaue Wissen um deren Bedeutung spielt eine wichtige Rolle, um informierte Kaufentscheidungen überhaupt treffen zu können.

Oder Menschen entscheiden aufgrund von Halb- bzw. Fehlwissen: Mit war beispielsweise die Bedeutung von Lederverwendung in Textilien vor einigen Jahren noch nicht klar. Und ich dachte, dass Fleisch aus Österreich automatisch artgerechte Tierhaltung bedeutet. Solches Fehlwissen resultiert beispielsweise aufgrund von Werbung oder kultureller Prägung.

Transparenz

Für Lebensmittel gibt es immerhin gewissen Richtlinien, was Bio-Produktion angeht. Über die Herkunft und Herstellung von Kleidung beispielsweise müssen Firmen gesetzlich gesehen nichts aussagekräftiges auf den Etiketten in der Kleidung preisgeben. Was ein „Made in …“ heißt, ist auch nicht klar, da der Transportweg, den das Produkt oder seine Materialien in Wahrheit zurückgelegt hat, wesentlich verwinkelter ist [10]. Und ohne richtige Informationen ist es nicht möglich, eine informierte Entscheidung zu treffen!

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„Made in Tunesia“…die einzige „Info“ über Herkunft, die die meisten Kleidungsstücke enthalten. Kannst du basierend auf dieser Info entscheiden?

Markenbindung

Viele Menschen wollen die Herkunft gewohnter Markenprodukte nicht hinterfragen und empfinden es als großes Hindernis, eine Marke durch etwas anderes zu ersetzen. Nutella ist ein gutes Beispiel: Viele Kinder wollen – trotz der Änderung der Rezeptur vor kurzer Zeit[11] – überhaupt keine andere Nussnougatcreme mehr essen.

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#healthylifestyle Bei Essen en vogue, aber wie sieht es mit dem Smartphone aus?

Zudem scheint Nachhaltigkeit in gewissen Bereichen wesentlich “sexier“ zu sein als in anderen. Influencer inszenieren ihren #healthylifestyle auf diversen Social-Media Kanälen mit Bio-Matche-Latte in der Tasse, während sie weiße Nike-Sneakers tragen. Und ökologischer Mode sieht man ihre Erzeugung oft an – früher dachte ich, sie kann einfach nie so stylisch aussehen wie konventionelle Massenware. Aber es gibt ökologisch erzeugte und gut aussehende Produkte, diese sind allerdings schwerer zu finden. Das führt mich zu den letzten 2 Punkten.

Bequemlichkeit

Ich erinnere mich noch gut selber daran, wie ich zu Beginn meines Zero Waste Lebensstils begonnen habe, Tetrapack-Milch gegen Milch in Pfandflaschen zu tauschen. Das ist nicht so leicht, wie es klingt: Als ich endlich die Bioläden gefunden hatte, die Milch, Joghurt und Sahne in Pfandglasflaschen anbieten, hatte ich oft Schwierigkeiten mit den Öffnungszeiten. Gerade ländliche Bioläden haben für berufstätige Menschen sehr ungünstige Öffnungszeiten und oft einfach mal an einem Mittwochnachmittag komplett geschlossen. Zudem liegen die Bioläden abseits der gewohnten Einkaufsrouten, während Supermärkte überall und jederzeit verfügbar sind. Es ist also (noch) aufwändiger, ökologisch einzukaufen. Glücklicherweise gibt es dazu Umwege, die ich im zweiten Absatz vorstellen werde.

Preis

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Alles billig – zu welchem Preis?

Ökologische Produkte sind teurer. Das ist Fakt. Jedoch ist dieser teurere Preis dadurch gerechtfertigt, dass du als Kunde auch etwas dafür erhältst. T-Shirts aus Textildiscountern um 4,99€ sind nur möglich, weil jemand anderer schon für dich bezahlt hat: Arbeiter/innen, die unterbezahlt wurden und mit giftigen Substanzen zur Färbung des T-Shirts hantieren mussten oder die Fische, die durch giftige Abwässer in den Flüssen streben,…

Bei ökologisch erzeugten Produkten integrieren Unternehmen beispielsweise die Kosten der fairen Bezahlung von Arbeitern und die Einhaltung strengerer Sicherheitsnormen in ihre Produkte&Dienstleistungen.

So gesehen sind ökologische Produkte nicht zu teuer, sondern konventionelle zu billig!

Der Preis sollte also nie als wichtigstes Argument einen Kauf entscheiden. Denn ist er alleiniges Entscheidungskriterium, wird so gut wie immer ein konventionell erzeugtes, zu billiges Produkt das Rennen machen.

=> Es gibt verschiedenste Faktoren, die Menschen dazu führen, nicht-nachhaltige Konsumentscheidungen zu treffen. Allein das Wissen um diese Faktoren kann jedoch helfen, dass wir bewusster mit ihnen umgehen und ihnen mit Lösungsansätzen begegnen, die ich im nächsten Absatz vorstelle.

3. Wie treffe ich einfach und effektiv nachhaltige Konsumentscheidungen?

Wenn du beginnst, auf Nachhaltigkeit bei deinem Konsum zu achten und Kaufentscheidungen bewusst im Hinblick auf Nachhaltigkeit zu treffen (oder es bereits tust), macht es Sinn, als erstes die Themen anzugehen, die einen großen Einfluss auf unsere Umwelt haben.

Einfluss kann man verschieden definieren: Nach CO2 Erzeugung, Wasserverbrauch, Müllaufkommen oder mit Berechnungskonzepten wie dem ökologischen Fußabdruck (wie viel Fläche verbrauche ich mit meinem Lebensstil)

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Der ökologische Fußabdruck wird dabei mithilfe der Hauptbereiche Essen&Trinken, Bauen&Wohnen, Mobilität und Konsum allgemein berechnet. Das sind auch die Bereiche, in denen das meiste CO2 pro Kopf anfällt: So sind es 30% für sonstigen Konsum, 24% für Wohnen, 23% für Mobilität und 13% für Ernährung [12].

Sonstigen Konsum habe ich bewusst nach vorne gestellt: Denn das zeigt, wie wichtig dein generelles Konsum- und Kaufverhalten ist!

Die Zahlen zeigen: Nachhaltigkeit betrifft dein ganzes Leben weit über das Essen hinaus.
Wenn du das realisierst, magst du dich fragen, wie du so viele informierte Entscheidungen tätigen sollst und ob das überhaupt Sinn macht.
Kannst du alle deine Konsumentscheidungen informiert im Hinblick auf Nachhaltigkeit treffen? Das würde bedeuten, dass alle Entscheidungen auf high-involvement beruhen (siehe 2a).

Eine solche Art der Entscheidungsfindung würde viel Zeit und Energie kosten. Aber wenn du einmal bewusst eine extensive bzw. high-involvement Entscheidung auch in Bezug auf Nachhaltigkeit getroffen hast, kannst du die darauffolgenden Entscheidungen mithilfe deiner Erfahrungen auf habituelle Weise treffen. Das hilft beim nachhaltigen Konsum!

Informierte Entscheidungen Schritt für Schritt einfacher getroffen

Stell dir vor, du möchtest informiert und bewusst einen Apfel kaufen. Was ist dabei zu beachten? Wenn du eine Liste aller verfügbaren Äpfel auf dem Markt erstellst und sie der Reihe nach auf diverse Kriterien wie bio, unverpackt, saftiger Geschmack, etc. testest, bist du vermutlich erst nach der Apfelsaison fähig, eine informierte Entscheidung zu treffen. Hier möchte ich ein paar Ideen für einfachere Entscheidungsfindung darlegen.

a) Was ist mir wichtig?

Notiere dir in einer Liste die Entscheidungsgesichtspunkte im Hinblick auf Nachhaltigkeit, die für dich am wichtigsten sind!

Am besten legst du für alle wichtigen Kategorien (Konsum, Wohnen, Mobilität, Ernährung) je eine Charta an. Sie muss nicht lang sein, 3 Punkte reichen schon!

Hier sind als kleines Beispiel die 3 ersten Punkte meiner Nachhaltigkeitscharta für den Lebensmittelkauf:

1.) Unverpackt: Das Lebensmittel muss ohne Verpackung bzw. in Mehrwegverpackungen erhältlich sein.

Zugleich unterstützt das Kriterium der Unverpacktheit die Unverarbeitetheit des Produktes. Meine Fitness-Maxime: „Verzicht auf verarbeitete Lebensmittel“ kann ich mit dem Kauf unverpackter Produkte weitgehend erfüllen und so 2 Entscheidungsaspekte auf einmal abdecken.

2.) 100% kontrolliert biologisch angebaut: Dazu zähle ich bei pflanzlichen Produkten mindestens ein EU-Biosiegel und bei tierischen Lebensmitteln, die von Erzeugern stammen, die ich nicht persönlich kenne, ein Demeter-Siegel.

+ Kriterien für Biohaltung von Tieren: Erzeuger, die ich persönlich kenne, sollten rein biologisch wirtschaften und ihren Tieren stets freien Auslauf bieten. Zu biologischer Erzeugung zählt bei mir auch das „feed-no-food“ Prinzip: Ich lehne tierische Produkte ab, wenn die Tiere mit menschlicher Nahrung gefüttert wurden, die für sie nicht artgerecht ist (z.B. Kühe dürfen m.E. keine Sojabohnen, Mais fressen, egal ob bio oder nicht).

3.) Einhaltung eines 50 km Umkreises: Ich möchte Lebensmittel bevorzugen, die innerhalb eines Umkreises von 50 km um meinen Wohnort erzeugt wurden. Damit möchte ich zugleich saisonale und alte Gemüsesorten fördern. Jetzt, im Herbst und Winter, gehört für mich dazu beispielsweise der Kauf von Pastinaken und Schwarzwurzeln.

=> Diese Liste ist sehr ausführlich erstellt, es geht auch kürzer! Denk einfach daran, jeden Punkt absolut messbar zu definieren. Z.B. statt „ich kaufe mehr Bio-Produkte“ „Ich gebe mindestens [z.B. 80%] meines Haushaltsbudgets für Lebensmittel für Bio-Produkte aus.

=> Es ist besonders anfangs nicht ganz leicht, eine solche Charta gut zu erfüllen. Aber du kannst auf jede nachhaltigere Kaufentscheidung stolz sein!
Wichtig ist, dass du für deine Entscheidungspunkte Rangordnung erstellst und somit schnell weißt, wie du bei Interessenskonflikten reagierst. Das hilft dir, dich auf ganz besonders wichtige Ziele zu konzentrieren.

Interessenskonflikte

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Bei mir stellte sich u.a. oft im Urlaub die Frage: Soll ich unverpacktes Gemüse ohne jegliche Biozertifizierung kaufen oder Biogemüse, eingeschweißt in Plastik?[13] Nach meiner Charta wäre die Wahl auf das unzertifizierte konventionelle Gemüse gefallen: Denn die oberste Priorität bei mir ist die Unverpacktheit. Wenn ich dann noch die Wahl zwischen unverpackten Biolebensmitteln und konventionellen Lebensmitteln hätte, wähle ich Biolebensmittel. Das ist nur mein Beispiel, bei jedem kann eine solche Charta aufgrund der verschiedenen Prioritäten verschieden aussehen.

Die Charta hilft dir auch, dich auf einige Labels zu konzentrieren, denen du vertraust. Ich habe das Demeter-Label in meiner Charta explizit erwähnt, da Demeter-Kühe nicht enthornt werden dürfen, weil dieser Anbauverband für natürliche Befruchtung arbeitet und weil er „Feed no Food“ besonders gut umsetzt[14]. Definiere für dich die Labels, die zählen, dann brauchst du dich von den anderen nicht beim Einkauf verwirren zu lassen.

Die bestimmte Rangordnung der Ziele und eine klare Formulierung vereinfachen Konsumentscheidungen. Du gewinnst das Gefühl: Bewusst einkaufen ist doch nicht so kompliziert!
Nicht immer wirst du alle Ziele auf deiner Charta einhalten können, mir gelingt das bei einigen Zielen (vor allem im Breiche Kleidung) auch noch nicht so gut. Aber erst einmal darüber nachzudenken, was du erreichen möchtest, hilft dir, diese Ziele besser zu erreichen und festzustellen, wo du bereits einiges geschafft hast und wo noch Luft nach oben ist.

b) Wo kann ich das kaufen, was mir wichtig ist?

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Schreibe dir besonders für häufig benötigte Konsumgegenstände wie Essen& Trinken, sowie Kosmetik und Reinigungsmittel eine Liste an Orten auf, wo du das bekommst, was du brauchst. Es ist zwar bequem, alles im Discounter zu besorgen. Jedoch erfüllt so ein Geschäft die meisten Nachhaltigkeitsansprüche nicht.
Schwierig ist es oft, wenn man verschiedene Geschäfte und Märkte besuchen muss und Produkte häufig kauft. Überlege: Was könnte ich tun, um den Einkauf zu vereinfachen? Bei Lebensmitteln kann dir z.B. Einkaufsgemeinschaft oder Foodcoop kann dir dabei helfen.

=> Eine Einkaufsgemeinschaft kannst du z.B. mit Nachbarn oder Freunden bilden. Dann kauft der eine z.B. die Milch im einen Bioladen, du holst das Obst von einem Bauern, etc. Bei eurem Treffen tauscht ihr die Produkte aus und jeder zahlt das, was er verwendet. Eine Foodcoop ist dasselbe, nur etwas professioneller: Du musst hier nicht immer direkt am Einkauf beteiligt sein, sondern kannst auch Mitglied werden und nur die Produkte erhalten. Eine Foodcoop [14b] tätigt ihren Einkauf in der Regel direkt beim Produzenten. Dadurch werden die Produkte billiger und selbst kontrolliert biologisch angebautes Obst und Gemüse kostet dann nur noch so viel wie konventionelles aus dem Supermarkt.

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Hausgemachte Marmelade – DIY hilft dir dabei, das zu bekommen, was du wirklich willst

Vieles kannst auch selber machen: Lebensmittel, kleine Möbelstücke, Kleidungsstücke… Hier tut es gut, sich auf einen Bereich zu beschränken, in dem du gerne tätig wirst und gut bist: Ich habe mir den Bereich Lebensmittel ausgesucht: Marmeladen, eingelegtes Gemüse, Kekse etc. mache ich selber. Zudem pflanze ich Kartoffeln, Bohnen, Kräuter etc. in meinem Garten an. Jedoch kann ich nicht besonders gut nähen. Dafür kenne ich noch eine Schneiderin, die mir Reperaturarbeiten an Kleidungsstücken abnimmt.

Ziehe bei Möbelstücken und Kleidung auch Maßanfertigung in Betracht! Hier kannst du alles selber entscheiden und hast freie Wahl in punkto Nachhaltigkeit. Der hohe Preis wird dadurch aufgewogen, dass du mit einem maßgefertigten Stück ein hochwertiges Produkt erhält, das dir sicher länger erhalten bleibt als ein „fertig“ gekauftes Produkt.

Fazit: Wähle die Geschäfte, in denen du einkaufst, sorgfältig aus! Schaffe dir dabei Transparenz durch den Einkauf in Geschäften, deren Inhaber du persönlich kennst und zu dem du Vertrauen aufgebaut hast. Mit der Zeit wirst du mit dem Einkauf in nachhaltigeren Geschäften vertraut – auch das trägt dazu bei, das nachhaltiger Konsum zur Gewohnheit wird.

c) Schaffe dir Routinen!

Du hast deine Ziele definiert. Jetzt fehlen nur noch die Produkte & Dienstleistungen, die sie erfüllen können. Anfangs ist es etwas nicht immer leicht, diese zu finden.

Aber wenn du erst einmal nach deinen Prinzipien eingekauft hast, so werden folgende Einkäufe immer leichter und schneller gehen. Wenn du dir ein Ziel festgelegt hast, z.B. Milchprodukte nur noch unverpackt und möglichst aus der Region zu kaufen, suchst du dir zunächst ein Geschäft, das dieses Bedürfnis erfüllen kann. Denn gehst du dorthin und kaufst z.B. Joghurt und Käse mit deinen eigenen Behältern bzw. im Mehrwegpfandglas. Immer wieder.

Was passiert? Der Einkauf wird zur Gewohnheit. Du musst nicht mehr so lange nachdenken und mit der Zeit werden Kaufentscheidungen, für die du anfangs viel Zeit investieren musstest (extensiv bzw. high-involvement) zu Entscheidungen, die du für jeden kommenden Einkauf einfach übernehmen kannst (habituell bzw. low-involvement). Das ist wichtig, damit du langfristig und effizient gute Produkte&Dienstleistungen kaufen kannst. Durch die entstehende Routine kannst du deinen nachhaltigen Konsum auf immer neue Produkte&Dienstleistungen ausweiten, bis sich auch hier wieder Gewohnheit einstellt.
Irgendwann wird dir nachhaltiger Konsum also nicht mehr Mühe bereiten als dein früherer Lebensstil!

Nachhaltiger Konsum nach deiner Charta ist nun keine Alternative mehr, sondern Normalität und Teil deines alltäglichen Lebens!

d) Kaufe weniger!

Wenn du weniger kaufst, musst du auch weniger bewusste Entscheidungen treffen. Aber fördert man mit weniger Kauf nicht auch die ökologischen Erzeuger weniger? Weniger Kauf von Konsumgegenständen entspricht sogar den Werten nachhaltigen Konsums. Dafür kannst du mehr Dienstleistungen in Anspruch nehmen, z.B. die Reparatur von Produkten. Deswegen habe ich auch bewusst in diesem Text stets „Produkt&Dienstleistung“ geschrieben. Wenn du, statt dem Kauf eines neuen Produktes auch eine Dienstleistung wählen könntest: Die Dienstleistung ist zumeist die nachhaltigere Wahl! Denn dadurch werden weniger Ressourcen verbraucht.

Durch das Kaufen von weniger Lebensmitteln bzw. nur der Mengen, die du wirklich brauchst, kannst du außerdem helfen, die Lebensmittelverschwendung zu vermeiden und sparst wiederum Geld.
Hier hilft dir beim täglichen Einkauf eine Einkaufsliste und bei größeren Anschaffungen gründliches Nachdenken: Brauche ich das wirklich? Wenn ja, gibt es das auch gebraucht? Oder kann ich es selber machen?

Ein gutes Beispiel ist für mich das Smartphone: Jeder hat eines, und aus beruflichen und privaten Gründen kann und möchte ich nicht darauf verzichten. Mein letztes Handy habe ich mir vor 5 Jahren gekauft. Als das kaputtging, war ich nicht mehr bereit, bei etablierten Smartphoneherstellern zu kaufen, da ihre Produktion nicht meinen Werten entspricht. Zu schlechte Arbeitsbedingungen, Ausbeutung von Rohstoffen, Transport um den halben Globus etc [15]. Von da an habe ich nur noch gebrauchte Handys von Freunden verwendet.

Denn egal wie nachhaltig: „Jedes nicht produzierte Handy ist das beste Handy.“ (gilt auch für Latops, Kleidungsstücke, etc.)
Zusammenfassung

Es gibt viele Gründe für (nicht)nachhaltige Konsumentscheidungen. Das Bewusstsein darüber, wie und warum Menschen Konsumentscheidungen treffen, hilft dir dabei, dein Verhalten und das anderer besser zu verstehen.

Deine eigenen Konsumentscheidungen sind durchaus relevant, denn immerhin produziert jeder von uns jeden Tag CO2, Abfall und Abwasser, verbraucht Strom und Erdöl. Du kannst also selber viel mehr bewegen, als du denkst, die Zahlen aus der Einleitung beweisen es!

Die Handlungsempfehlungen sollten dir das nötige Rüstzeug geben, um Heute anzufangen, deine Konsumentscheidungen bewusst nachhaltiger zu gestalten. Eine eigene Nachhaltigkeitscharta für verschiedene Konsumbereiche hilft dir, herauszufinden, was für dich wichtig ist.

Wenn du mit der Charta erst in einem Bereich beginnst und dich dann langsam vortastest, kannst du deinen Konsum einfach und schnell in eine nachhaltigere Richtung bewegen, die für dich stimmt. Das Routinisieren des eigenen Konsums und der Konsum von „Weniger“ hilft dir zudem bei der Umsetzung deiner in der Charta festgehaltenen Ziele!

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Gelebte Konsumdemokratie kann eine neue Ära im Konsum westlicher Staaten einläuten. Es wird Zeit, nicht nur politisch zu wählen, sondern auf ganzer Ebene für Nachhaltigkeit, für Umweltschutz, für eine gerechtere Welt zu stimmen! Jeden Tag.

Um dir Beispiele für Chartas zu geben und den Einfluss verschiedener Lebensbereiche auf unseren ökologischen Fußabdruck zu erläutern, folgen weitere Artikel!

Wie überzeugt bist du vom Konzept der nachhaltigen Konsumwahl? Und wie lautet deine Charta in einem bestimmten Bereich? Ich freue mich über Kommentare!

Quellen:

[1] http://nachhaltig-sein.info/lebensweise/wegwerfgesellschaft-muellberg-muell-abfall-aufkommen-menge-deutschland-pro-kopf-verwertungsquote-bundeslaender-infografik-statistik Stand: 2013

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/153528/umfrage/co2-ausstoss-je-einwohner-in-deutschland-seit-1990/ Stand: 2016

[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/12353/umfrage/wasserverbrauch-pro-einwohner-und-tag-seit-1990/ Stand: 2016

[4] http://www.aess-bar.ch/

[5] http://www.rechnungswesen-verstehen.de/lexikon/freie-marktwirtschaft.php

[6] http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/kaufentscheidung.html

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Kaufverhalten#Modelle_des_Kaufverhaltens

[8] http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/kaufentscheidung.html

[9] https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnutzung/Oekolandbau/_Texte/EU-Bio-Logo.html

[10]  https://www.wbs-law.de/wettbewerbsrecht/rechtliche-anforderungen-die-bezeichnung-made-germany-56138/

[11] https://www.merkur.de/wirtschaft/neue-nutella-rezeptur-ist-jetzt-anders-zr-9170039.html

[12]

[13] Beispiel aus dem Energiebereich: Soll ich dieses Jahr lieber die Erdölheizung durch eine Wärmepumpe ersetzen oder Photovoltaikpanels auf dem Dach installieren?

[14] https://demeter.de/verbraucher/aktuell/lebendige-erde-1-16

[14b] https://foodcoops.at/ Hier findest du auch Infos dazu, wie du eine Foodcoop gründest oder einer Foodcoop beitrittst.

[15] https://www.pcwelt.de/news/Verbraucherschuetzer-Katastrophale-Arbeitsbedingungen-in-der-Handyproduktion-73785.html

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